Ein weiterer Schwerpunkt seines Besuchs war die Bedeutung der Improvisation. Escaich, der am Pariser Konsevatorium u. a. Komposition und Improvisation unterrichtet, betonte, dass der erste Zugang zur Musik idealerweise über das Improvisieren erfolgen sollte, da seiner Ansicht nach etwa 90 % aller Musik auf Improvisation beruhen. Gleichzeitig bedauerte er, dass dieser Aspekt im Instrumentalunterricht häufig zu kurz komme. Er ermutigte die Jugendlichen, sich von starren Mustern zu lösen und mit kleinen, überschaubaren Schritten eigene musikalische Ideen zu entwickeln.
Wie eindrucksvoll dies gelingen kann, zeigte sich auch in den musikalischen Beispielen am Abend im Konzert und beim Austausch in der Schule. Ein Schüler beschrieb die Wirkung nach dem Besuch des Konzerts so: „Beeindruckend war die organische Vermischung der Klangfarben. Teilweise war nicht zu erkennen, ob gerade Holz- und Blechbläser spielen oder die Klänge von der Orgel erzeugt werden.“
Zum Abschluss erfüllte Escaich einen besonderen Wunsch: Er improvisierte über das ihm unbekannte Segenslied „Möge die Straße“, das fester Bestandteil vieler Schulgottesdienste ist. Über sechs Minuten hinweg entwickelte er spontan aus der Hauptmelodie eine vielschichtige musikalische Fantasie, die mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde.
Auch von der neuen Orgel der Schule zeigte sich der französische Komponist beeindruckt und beschrieb ihren Klang mit den Worten „klar, farbig und präzise“. Als Dank für den inspirierenden Besuch erhielt er eine „Mallinckröte“, die er – wie er versprach – in der Orgel von Notre Dame platzieren möchte.
Für die Schülerinnen und Schüler war das Projekt eine nachhaltige Erfahrung. Fachlehrer Koniusch fasste dies treffend zusammen: „Das Gesamtprojekt, beginnend mit der Vorbereitung im Unterricht, über das Konzerterlebnis am Abend bis hin zu dem intensiven, persönlichen Austausch mit diesem außergewöhnlichen Komponisten und Musiker war für die Schüler wirklich nachhaltig beeindruckend und inspirierend. Sowohl Lernende, die selbst Erfahrung als Musiker haben, als auch Schülerinnen und Schüler, die kein Instrument spielen, hingen an seinen Lippen.“
Der Besuch machte eindrucksvoll deutlich, wie wichtig die Verbindung unterschiedlicher Einflüsse ist – in der Musik wie auch darüber hinaus. Aus der Kombination verschiedener Stile, Traditionen und Ideen entsteht Neues. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben übertragen: Vielfalt und Verschiedenheit sind eine wesentliche Grundlage für Kreativität und Entwicklung.